Keine Ahnung wie uns das passieren konnte

Das Telefon klingelt. Sonjas Schwägerin ist am Apparat. Sie ist eine Frau ohne viel Schnörkel und kommt deshalb schnell auf den Punkt: „Ich hab von deinem Mann gehört, dass ihr ein Ehewochenende geplant habt. Ich gönn’s euch ja von Herzen, aber ist euch denn überhaupt nicht aufgefallen, dass unsere Schwiegermutter genau an dem Samstag Geburtstag hat? Dein Ralf schien irgendwie aus allen Wolken zu fallen, als ich ihn dezent drauf hinwies. Naja, Männer … Also, das könnt ihr Schwiegermama nicht antun!“
Sonjas Nackenhaare sträuben sich. Ralf – ihr feiger Mann! Natürlich war ihnen beiden bei den Planungen die Terminkollision klar. Aber sie hatten schon seit halben Ewigkeiten solch ein kinderloses Wochenende hin- und hergeschoben, aber immer wieder kam etwas dazwischen. Und genau dieses Wochenende passt – die Kinder sind untergebracht, es sollte doch das erste kinderfreie Wochenende seit einer viel zu langen Zeit werden. Aber ehe Sonja weiß, was sie tut, hört sie sich sagen: „Mensch, du hast ja Recht, da haben wir echt was verplant, keine Ahnung wie uns das passieren konnte.“ Und als sie den Hörer auflegt, ist sie auch gar nicht wütend, sondern hat wirklich ein schlechtes Gewissen: „Hätten wir wirklich Schwiegermama an ihrem Geburtstag allein gelassen.“

Stefanies Jüngster hätte die Schule von sich aus bestimmt nicht erfunden. Zum Glück behält Stefanie den Überblick über den Zustand seiner Hefter, die Tiefen seiner Schulmappen, den Terminplan der anstehenden Klassenarbeiten. Im Zweifelsfalle vergewissert sie sich bei anderen Müttern, wann „wir“ denn das nächste Diktat schreiben. Jetzt hält Stefanie die letzte Englischarbeit ihres Sohnes in den Händen. Eine glatte Fünf. Hätte sie es sich doch denken können, dass es schief geht, wenn sie mitten in der Schulzeit eine Woche zu einer alten Schulfreundin fährt. Ihr Mann hatte sie beruhigt und versprochen, alles in der Familie im Blick zu haben. Lange To-do-Listen hatte Stefanie angelegt – und nun war es doch schiefgegangen. Sie hätte sicherlich viel gründlicher als ihr Mann mit ihrem Sohn geübt. Und schon meldet sich wie ein Steh-auf-Männchen das schlechte Gewissen bei Stefanie.

Linda hat sich auf einen entspannten Abend gefreut. Einfach mal abhängen und ein schönes Video gucken. Als das Telefon klingelt, überlegt sie ein paar Sekunden, nicht dranzugehen. Aber das bringt sie auch sonst nie Über das Herz und hat immer das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, wenn sie einmal etwas „Schönes“ vorhat … also greift sie seufzend zum Hörer und weiß schon in der Sekunde, als sich ihre Freundin Karen am anderen Ende meldet, dass ihr entspannter Abend heute in den Telefonhörer fällt. Jetzt wird ihr Karen eine Stunde lang wieder etwas über ihre komplizierte Ehegeschichte erzählen. Eigentlich kennt sie alle Details, denn in großer Regelmäßigkeit schüttet sie ihr Frustfass bei Linda aus. Linda hat schon lange das Gefühl, dass Karen sie nur zum Dampfablassen benutzt. Eigentlich ist ihr klar, wie sie mit ihr umgehen müsste: „Bitte, Karen, sag mir was sind deine nächsten Schritte, was willst du verändern?“, und wenn sich die Freundin die nur dann als „Freundin“ auftaucht – sich wieder meldet, genauso ins Gespräch einzusteigen: „Karen. Warte mal. Sag erst mal: Was hast du in den letzten Wochen konkret unternommen?“ Aber das kann Linda einfach nicht, das kommt ihr so kaltschnäuzig, so lieblos vor.

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